Persönlicher Kontakt als Bedürfnis – Studien mit Waisenhauskindern

In den 1970er Jahren führten Wayne Dennis und seine Kollegen Langzeitstudien über Kinder in einem libanesischen Waisenhaus durchgeführt.
Die Kinder wurden kurz nach der Geburt in die Einrichtung gebracht und erhielten wenig Aufmerksamkeit von ihren Betreuern – sie wurden gebadet, gefüttert und gewickelt, aber nur selten wurde mit ihnen gesprochen oder gespielt.
Im Alter von 2 Monaten zeigten die Kinder eine normale Entwicklung.
Im Alter von einem Jahr stellten die Forscher jedoch fest, dass sich die Kinder nur halb so schnell wie normal entwickelten.
Kinder, die später adoptiert wurden, begannen sich schnell zu entwickeln.
Im Alter von 6 Jahren wurden die Mädchen und Jungen in zwei getrennten Einrichtungen gebracht.

In dem Heim für Mädchen war die Situation ähnlich wie im Waisenhaus, wo die Kinder immer noch keine persönliche Betreuung erhielten. Als Ergebnis waren sie im Alter von 12-16 Jahren in ihrer intellektuellen Entwicklung so weit zurück, dass sie nicht einmal in der modernen Gesellschaft funktionieren konnten – sie konnten die Uhrzeit nicht ablesen, keine Telefonnummer wählen, in einem Geschäft kein Wechselgeld zählen usw.

Im Institut für Jungen war die Situation besser: Sie hatten mehr intellektuelle Reize, vielfältigere Erfahrungen und einen engeren Kontakt mit dem Personal. Die Jungen zeigten im Alter von 10 bis 14 Jahren eine deutliche intellektuelle Entwicklung, und obwohl ihre Leistungen unter dem Durchschnitt lagen (sogar unter denen der Adoptivkinder), war ihre Integration in die Gesellschaft kein Problem.

In einer späteren Studie (Tizard und Hodges, 1978) wurde die Entwicklung von Kindern untersucht, die in gut ausgestatteten Kinderheimen betreut wurden, bis sie mindestens zwei Jahre alt waren.
Es handelte sich um gut ausgestattete Kleinkinderheime mit geschultem Personal, viel Spielzeug und Büchern.
Aufgrund des Schichtwechsels hatten jedoch alle Kinder Kontakt zu einer sehr großen Anzahl von Betreuern, so dass sich keine engen persönlichen Beziehungen entwickelten.

Diese Kinder wurden im Alter von viereinhalb, acht und 16 Jahren untersucht.
Es wurde beobachtet, dass sie große Schwierigkeiten hatten, Beziehungen zu gleichaltrigen Kindern aufzubauen.
Die Kinder, die adoptiert wurden, entwickelten sich positiv und bauten oft normale Bindungsbeziehungen zu ihren Pflegeeltern auf, aber selbst als Teenager hatten sie Probleme mit Gleichaltrigen.

Interessanterweise war es bei Kindern, die zu ihren leiblichen Eltern zurückgebracht wurden, weniger wahrscheinlich, dass sie eine Bindung zu ihnen aufbauten, da ihre Eltern sich oft nicht über die Rückkehr ihres Kindes freuten und ihm gegenüber indifferent waren.

Im Gegensatz dazu waren Adoptiveltern in der Regel ältere, kinderlose Paare, die sich nach Kindern sehnten und ihnen viel Aufmerksamkeit schenkten.

Diese Studien haben also gezeigt, dass Kinder nicht nur in der frühen, kritischen Phase eine Bindung entwickeln können – das kann auch später passieren, wenn sie die richtige Aufmerksamkeit erhalten.
Die frühe Bindungsentwicklung bzw. Nicht-Bindung hat jedoch einen nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung ihrer Beziehungen.

(Die Entwicklung Von Kinder – Michael Cole, Sheila R. Cole)